Lieblingsstücke

Es ist jeden Winter das Gleiche: Wenn es draußen stürmt, es kalt, nass und ungemütlich ist, entdecke ich meine nostalgische Ader. Dann werden sie wieder aus dem Angelkeller hervorgekramt: die alten Schätzchen. Meine handgebauten Hexagraph-Ruten von Bruce & Walker zum Beispiel.
Das hat schon was – so ein Blank im Sechskant-Design alter Bambus-Stecken. Dazu durchgehender Korkgriff und Rollenhalter mit Echtholz. Definitiv keine Weitwurfmaschinen, eher Lieblingsstücke.

Aber große Wurfweiten bräuchte ich jetzt beim Winterangeln sowieso nicht. Ein lockerer Unterhandwurf reicht, um meine Rigs an den steil abfallenden Ufern der kleinen Gruben in fünf oder sechs Metern Tiefe zu platzieren. Ohnehin suchen die Karpfen während dieser Jahreszeit gerne unter überhängenden Bäumen einen letzten Snack.

Und wenn meine Falle zugeschnappt hat, macht schon der Drill eines 12-Kilo-Schuppis unglaublichen Spaß. Das ist etwas Anderes, als ein Kräftemessen an einem der modernen Kraftpakete – oft mit reiner Spitzenaktion.

„Mit goldenen Aluspulen und klassischem Design sind die Rollen eine harmonische Kombi zu meinen altgedienten Holzimitaten aus Karbon.“

Die Bremse meiner alten Penn SS-Rollen tickert angenehm metallisch, während sie dem Zug nachgibt und ein paar Meter Mono ablässt. Mit goldenen Aluspulen und klassischem Design sind die Rollen eine harmonische Kombi zu meinen altgedienten Holzimitaten aus Karbon.
Dazu noch meine alten Optonic XL Bissanzeiger, die nach über 20 Jahren immer noch einwandfrei ihren Dienst tun und als optische Bissanzeige die Affen auf der Stange.
Jüngere Karpfenangler werden jetzt womöglich mit den Augen rollen, weil sie nicht verstehen, warum ich angesichts meiner angestaubten Gerätschaften so ins Schwärmen gerate.
Meine nostalgische Ader ist wohl tatsächlich eine Altersfrage. Ich habe die Welt schließlich auch einmal anders betrachtet. Mit 20 habe auch ich ständig nach vermeintlichem Fortschritt geschielt, wollte die modernsten Ruten auf der Ablage liegen haben.

„Es geht also nicht zwingend immer weiter, irgendwann ist bei den meisten Dingen der Zenit erreicht.“

Aus 10ft-Stecken wurden 11ft, bevor sich schließlich flächendeckend die 12ft-Weitwurfknüppel durchsetzten. 13ft? Die Länge hat sich nie wirklich etabliert. Es geht also nicht zwingend immer weiter, irgendwann ist bei den meisten Dingen der Zenit erreicht.
Meine ersten Karpfenruten hatten eine Testkurve von 1.75lb, gut 30 Jahre später sind nun 3.50lb Standard. Okay – 1.75lb-Ruten wären mir heute für viele Angelsituationen zu schwach auf der Brust. Denn die zu erwartenden Karpfen sind allgemein größer geworden. In den frühen Achtzigern habe ich mit meinen Topaz Carp von Sportex Satzer von drei oder vier Kilo gedrillt. Ein 10-Kilo-Fisch war die Ausnahme. Mittlerweile können wir in vielen Gewässern mit 20-Kilo-Fischen rechnen. Solch einen Brocken mit 1.75lb-Ruten aus dem Kraut zu zerren – ein eher aussichtsloses Unterfangen.

„Da habe ich als älteres Semester einen Vorteil: Ich habe viele Trends kommen und gehen gesehen.“

Aber: Was früher war, ist nicht persé schlecht, manche Weiterentwicklung nicht mehr als eine Modeerscheinung. Und Mode ist für Lemminge, Mode kommt und geht, da muss man nicht jeden Trend mitmachen. Denn früher oder später kommt vieles zurück. Wie die 10ft-Ruten. Wenngleich die kurzen Stecken heute als das Nonplusultra für die Bootsangelei an den Mann (oder die Frau) gebracht werden sollen.
Es scheint ein probates Mittel, Altbewährtem einen neuen Anstrich zu verleihen. Da habe ich als älteres Semester einen Vorteil: Ich habe viele Trends kommen und gehen gesehen. Und da kann man mir nicht mehr so leicht ein A für ein U verkaufen.

Und ich habe etwas, auf das ich zurückblicken, das ich sogar ein wenig vermissen kann. Diese Perspektive fehlt der jüngeren Generation. Ich habe deshalb Verständnis, wenn nicht jeder Leser meinen Fable für altes Angelgerät nachvollziehen kann. Trotzdem lasse ich mich nicht davon abbringen, von Zeit zu Zeit mit meinen Lieblingsstücken loszuziehen.
Weil ich mit zunehmendem Alter eine gewisse Gelassenheit bekommen habe.
Und weil ich Bock darauf habe.

Kay Synwoldt

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